Die immer wieder gestellte Frage, ob das BSW letztlich eine „Linke 2.0“ sei, lässt sich insofern auch nicht nur durch einen Vergleich von Parteiprogrammen beantworten. Man würde dort erhebliche Unterschiede finden, aber ebenso politische Vorstellungen, die miteinander verwandt sind.
Interessanter ist etwas ganz anderes.
Was folgt daraus, wenn Mittelstand, Handwerk und Industrie nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Besteuerung oder Regulierung gesehen werden, sondern als grundnotwendige Voraussetzung dafür, dass Wertschöpfung, Beschäftigung und letztlich auch ein funktionierender Sozialstaat überhaupt möglich bleiben?
Und umgekehrt: Was folgt daraus, wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht allein danach beurteilt wird, welche Rendite am Ende eines Jahres entstanden ist, sondern auch danach, welchen Beitrag Unternehmen für Beschäftigung, Ausbildung, Regionen und gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten?
Gerade Sachsen kann dazu Erfahrungen beitragen.
Unser Landesverband bewegt sich in einem politischen und wirtschaftlichen Umfeld, in dem Industrie, Mittelstand und Handwerk eine große Rolle spielen, gleichzeitig aber soziale Sicherheit, funktionierende Kommunen, Bildung, die leidige Gesundheitsversorgung und das Reizthema bezahlbares Wohnen für viele Menschen ganz unmittelbar darüber entscheiden, ob Politik als handlungsfähig erlebt wird.
Wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit sind unter diesen Bedingungen keine theoretischen Begriffe.
Sie müssen eine gesunde Mechanik bilden.
Dasselbe gilt für andere Fragen.
Eine vernünftige Steuerung und Begrenzung der Migration können mit dem Schutz tatsächlich Verfolgter verbunden werden. Die Forderung nach einer offenen Debattenkultur schließt klare Grenzen dort nicht aus, wo Menschen herabgewürdigt oder ausgegrenzt werden. Und eine Friedenspolitik, die Diplomatie wieder einen höheren Stellenwert gibt, muss nicht davor zurückschrecken, internationale Interessen und Konflikte realistisch zu benennen.
Gerade bei solchen Verbindungen zeigt sich, ob aus unterschiedlichen politischen Traditionen tatsächlich etwas Eigenständiges wächst.
Und das braucht Zeit. Vielleicht auch mehr, als wir vermuten.
Entwicklungen innerhalb unserer Partei sollten wir dabei aufmerksam wahrnehmen. Interessanter als die Frage, wer damit recht bekommen hat, ist, was wir daraus lernen können.
Bundespartei und Landesverbände, Mandatsträger und Mitglieder erleben nicht immer dieselbe politische Wirklichkeit. Sachsen wird andere Erfahrungen einbringen als Hamburg oder Nordrhein-Westfalen. Ein Landesverband mit einem stärkeren Anteil von Mitgliedern aus einem bürgerlichen oder unternehmerischen Umfeld wird manche Frage anders betrachten als ein anderer.
Diese unterschiedlichen Erfahrungen können unser gemeinsames Bild vollständiger machen – vorausgesetzt, sie werden nicht vorschnell als Abweichung verstanden und umgekehrt leitet niemand aus seiner eigenen politischen Biografie den Anspruch ab, damit bereits die ganze Partei erklären zu können.
Vielleicht besteht darin eine der anspruchsvolleren Aufgaben unserer nächsten Jahre.
Nicht möglichst viele unterschiedliche politische Vorstellungen nebeneinanderzustellen, sondern herauszufinden, was sie tatsächlich miteinander verbindet – und daraus Schritt für Schritt eine politische Kultur zu entwickeln, die diese Verbindung lebendig werden und bleiben lässt.
Unser Landesparteitag in Leipzig ist natürlich nur ein einzelner Termin auf diesem Weg.
Aber vielleicht ist er eine gute Gelegenheit, neben den notwendigen Entscheidungen auch einmal darauf zu schauen, warum Menschen mit so verschiedenen Erfahrungen überhaupt gemeinsam in dieser Partei stehen.
Und was daraus werden kann.
Nicht die Frage, welche politische Herkunft sich am Ende durchsetzt, erscheint mir dabei besonders interessant…
…sondern ob es uns gelingt, aus dieser Unterschiedlichkeit etwas zu entwickeln, das besser ist als die alten politischen Zuordnungen, aus denen viele von uns gekommen sind.
Wenn daraus ein nach vorn denkendes Miteinander derer entsteht, die die Lebensumstände in Sachsen und unserem Land verändern wollen – für mehr Gerechtigkeit, für Frieden und für einen wirtschaftlichen Wohlstand, an dem jeder Bürger, ganz gleich welcher Herkunft und beruflichen Situation, teilhaben kann –, dann würde sich irgendwann auch die Frage, wo das BSW im bisherigen Parteiensystem einzuordnen ist, von selbst beantworten.
Nicht durch eine Etikettierung.
Sondern durch das, was wir gemeinsam daraus machen.