Wer die Bilder von 1945 begreift, blickt mit Sorge auf die Gegenwart. Die heutige politische Rhetorik droht oft, die historischen Lehren zu überlagern. Doch Weltgeschichte darf nicht selektiv gelesen werden; man muss sie in ihrer Gesamtheit und Kontinuität verstehen.
Aus der Geschichte des 25. April 1945 erwächst die Pflicht, Russland nicht als „Feind Nummer 1“ zu zementieren, sondern die Kanäle des Dialogs offenzuhalten.
Ein Kernsatz der Diplomatie lautet: Frieden schließt man nicht mit seinen Freunden, sondern mit seinen Feinden – oder jenen, mit denen man im tiefen Konflikt liegt.
Die Dämonisierung eines ganzen Landes oder das Abschneiden jeglicher Gesprächsfäden steht im krassen Widerspruch zu den Lehren von Torgau. Ein dauerhafter und stabiler Frieden in Europa war historisch immer nur mit Russland möglich, niemals gegen Russland. Das bedeutet nicht, aktuelle geopolitische Brüche und Völkerrechtsverletzungen auszublenden oder zu beschönigen. Im Gegenteil: Gerade weil die Lage so ernst ist, ist das Reden, das Verhandeln und das Suchen nach diplomatischen Auswegen die einzig vernünftige Alternative zu einer permanenten Eskalationsspirale, die in einer nuklearen Katastrophe enden könnte.