Die reale Lage in der Ukraine
Militärische Realität im Verhältnis zur Durchhaltepropaganda
Entgegen der in westlichen Mainstream-Medien oft gezeichneten Darstellung von spektakulären ukrainischen Erfolgen und einem angeblich kurz vor der Niederlage stehenden Kreml zeichnet General Vad ein komplett gegensätzliches, eher von militärischem Realismus geprägtes Bild der Lage vor Ort.
Die Ukraine befindet sich nach Ansicht von Dr. Vad auf dem Weg in eine militärische Niederlage. Trotz westlicher Milliardenhilfen, modernster Waffensysteme und der Tapferkeit der ukrainischen Soldaten lassen die schieren Kräfteverhältnisse keine andere Entwicklung zu.
Das Land leidet unter erheblichen Verlusten von Menschen. Der ukrainische Sozialminister habe bereits im Sommer dieses Jahres erklärt, dass sich die Einwohnerzahl durch Flucht und Abwanderung auf schätzungsweise 20 bis 25 Millionen Menschen halbiert habe. Hunderttausende Wehrfähige und Deserteure haben das Land verlassen.
Die russischen Angriffe auf die maritime Infrastruktur im Raum Odessa haben die Ex- und Importwege der Ukraine schwer getroffen. Auch im Donbass, besonders im sogenannten Festungsgürtel bei Slowjansk und Kramatorsk, rücken die russischen Streitkräfte langsam, aber stetig vor.
General a. D. Dr. Erich Vad: „Der Eindruck wird im Westen so vermittelt, als seien sie auf dem Weg zum Sieg. Nein, sie sind auf dem Weg in die militärische Niederlage, die Ukrainer – trotz unserer Hilfen und trotz ihrer Tapferkeit.“
Selenskyj will die NATO in den Krieg hineinziehen
Ein zentraler Punkt im Interview betrifft die strategische Zwangslage der ukrainischen Führung unter Präsident Wolodymyr Selenskyj. Da ein konventioneller militärischer Sieg gegen die Atommacht Russland ausgeschlossen ist, verbleibt aus Sicht von General Vad im Grunde nur die weitere Eskalation als einzige Option zum politischen Überleben Selenskyjs. Aus militärischer Sicht gibt es also für Selenskyj keine andere rationale Wahl, als den Krieg auszuweiten und Europa beziehungsweise die NATO direkt in den Konflikt hineinzuziehen. Nur durch eine fundamentale Ausweitung des Krieges zu einem gesamteuropäischen Konflikt kann die ukrainische Führung ihre Niederlage noch abwenden. Genau vor dieser Dynamik warnt der General eindringlich.
General a. D. Dr. Erich Vad: „Und das Gefährliche ist im Grunde genommen, dass es aus der militärischen Sicht heraus für Selenskyj keine andere Wahl gibt, als diesen Krieg auszuweiten und Europa in diesen Krieg mit Russland mit reinzuziehen. Das ist im Grunde genommen die einzige Chance, dass er politisch überlebt, und da müssen wir eben aufpassen, dass bei unserer Hilfeleistung genau das nicht passiert, dass wir in einem Krieg mit Russland, in einem europäischen Krieg mit Russland landen.“
Dr. Vad wies darauf hin, dass westliche Staaten der Ukraine längst Zielkoordinaten für sogenannte „Deep Strikes“ (Fernangriffe mit Drohnen und Raketen ins russische Kernland, inklusive Moskau) liefern und am Bau von Waffensystemen beteiligt sind. Dies birgt eine akute Gefahr, die Russland auf Dauer nicht hinnehmen kann. Auch der Beschuss von Russlands Hinterland durch die Ukraine kann eine unkontrollierbare Eskalationsspirale auslösen.
Gefahr für Deutschland und die sogenannte „Kriegstüchtigkeit“
Mit Blick auf Deutschland und NATO-Europa erkennt Dr. Vad eine geostrategisch hochgefährliche Situation. Aufgrund der geografischen Lage mitten in Europa würde ein Kriegseintritt Deutschlands bedeuten, dass Deutschland nicht nur Hauptkampfgebiet wäre, sondern am Ende dem Land durchaus auch die vollkommene Vernichtung drohen würde.
Deutschland würde im Ernstfall nicht nur mit ihrem Militär an vorderster Front stehen, sondern als zentrale logistische Drehscheibe (siehe „Operationsplan Deutschland“), als Lazarett für Tausende Schwerverwundete und als Aufmarschgebiet für Hunderttausende alliierte Truppen herhalten müssen. Infolgedessen würden auch deutsche Rüstungsbetriebe, Infrastrukturen, Nachschubwege, also Industriegebiete und Städte, unmittelbar unter Beschuss geraten.
General a. D. Dr. Erich Vad: „Es kann aus deutscher Sicht aufgrund unserer geografischen Lage mitten in Europa keine rationale Option sein, dass wir in einen Krieg gehen. Wir müssen also einen anderen Weg finden. Es wäre schon suizidal in unserer Lage, wohlbemerkt.“
Zudem kritisiert Vad die deutsche Selbstwahrnehmung scharf. Das Land verhalte sich wie „das gehbehinderte Kind auf dem Schulhof, welches das größte Mundwerk gegen die größte Atommacht der Welt hat“. Während die Politik auf eine harte Konfrontation setzt, fehlen der Bevölkerung grundlegende Schutzräume und eine echte Verteidigungsfähigkeit.
Krisenherde in Nahost, Iran und die Straße von Hormus
Im weiteren Verlauf des Interviews analysiert General Vad die Lage im Nahen Osten und die Auseinandersetzungen um den Iran.
Einen groß angelegten Nuklearschlag oder eine massenhafte Bodenoffensive der USA und Israels gegen den Iran hält Vad für unrealistisch und verheerend. Der Iran sei ein gebirgiges Hochplateau und geografisch dreimal so groß wie Afghanistan. Eine Besetzung sei militärisch und logistisch kaum machbar. Der Iran verfüge über eine 1.500 Kilometer lange Küstenlinie und die strategische Fähigkeit, die Straße von Hormus jederzeit zu blockieren sowie lebenswichtige Energie- und Wasseraufbereitungsanlagen in den Golfstaaten (wie Katar oder Saudi-Arabien) anzugreifen. Dies würde unweigerlich zu einer weltweiten wirtschaftlichen Rezession führen.
Wie im Ukraine-Konflikt plädiert Vad auch im Nahen Osten unermüdlich für die Wiederaufnahme von diplomatischen Verhandlungen statt rein militärischer Eskalation.
Fazit
Das Interview mit Brigadegeneral a. D. Dr. Erich Vad liefert eine sehr präzise formulierte Abrechnung mit der aktuellen deutschen und westlichen Außen- und Sicherheitspolitik. Zentral ist die Erkenntnis, dass der Ukraine-Krieg militärisch für Kiew nicht zu gewinnen ist und die anhaltende westliche Unterstützung bei gleichzeitigem Verzicht auf diplomatische Dialogkanäle die Gefahr eines großen europäischen Krieges massiv erhöht.
Es ist bezeichnend, dass Bundesaußenminister Wadephul bei seiner Einschätzung (lt. Welt) einen nahezu gegensätzlichen Schwerpunkt setzt, wenn er sagt: „Russland wird sich militärisch nicht in der Art und Weise durchsetzen können, wie Putin das mal geplant hat. Das ist gescheitert“. Wadephul sagt inzwischen, er wolle diesen Herbst nutzen, um „alles zu versuchen, um eine diplomatische Lösung zu finden – mindestens erst einmal einen Waffenstillstand.“ In der Realität der internationalen Diplomatie wird Deutschland leider schon lange nicht mehr ernst- und wahrgenommen. Das scheint Wadephul auch selbst zu ahnen: Es gebe eine Reihe weiterer Länder, die „einen engeren Gesprächskontakt als praktisch alle Europäer zu Russland haben“, sagte Wadephul in dem Telefoninterview während seiner Rückreise. Konkret nannte er die Türkei, viele Golfstaaten und Ägypten. Mit diesen Ländern spreche die Bundesregierung.
Besonders hervorzuheben ist die These von General Vad, dass Präsident Selenskyj aufgrund seiner militärischen Sackgasse im Grunde nur durch das Hineinziehen der NATO in den Krieg eine Überlebenschance besitzt. Deutschland droht dabei als logistischer Raum zwischen die Fronten zu geraten. Vad fordert daher eine radikale Rückbesinnung auf das klassische Prinzip der Abschreckung in Kombination mit einem ernsthaften Dialog.
Das BSW schließt sich der Analyse von Brigadegeneral a. D. Dr. Erich Vad an, auch wenn es hinsichtlich der Aussagen zur Abschreckung beim BSW durchaus eine abweichende Auffassung gibt. Das Interview mit dem ehemaligen Militär zeigt aber mehr als eindeutig, dass es zu Diplomatie und einer aktiven Friedenspolitik keine Alternative gibt.